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Melwins Stern
Zimelmann/Bley
Melwin war ein Engel. Kein besonders bedeutender Engel. Er saß
nicht zur rechten Hand Gottes. Wenn alle Engel sich versammelten und sich
niedersetzten, um Gottes Weisheiten zu vernehmen, blieb Melwin im Hintergrund
stehen.
Melwin stand da, mit Eimer und Besen und wartete.
Und wenn er irgendwo ein Stäubchen entdeckte, rannte er gleich
hin und kehrte es in seinen Eimer. Das war keine besonders große Aufgabe,
wirklich nicht. Engel sind schrecklich sauber. In tausend Jahren konnte es
vorkommen, dass einmal eine kleine Feder von irgendwoher herabschwebte. Aber
Melwin war sofort zur Stelle und kehrte sie auf.
Er wäre ja eigentlich lieber Wolkenwäscher gewesen.
Oder noch lieber Sternputzer.
Jedes Mal, wenn am himmlischen Anschlagbrett eine freie Stelle
angezeigt wurde, war Melwin als Erster da. Aber wenn er dann den
Wolkenschrubber nehmen und die Wolken abschrubben sollte, war das Ding so groß,
dass Melwin selbst unter die Borsten geriet und geschrubbt wurde.
Und auch die Putztücher der Sternputzer konnte Melwin kaum
hochheben. Wenn es ihm einmal gelang, dann blähte sich das Riesentuch auf und
hüllte ihn in seine großen, weichen Falten, sodass er überhaupt nicht mehr zu
sehen war. Aber Melwin gab nicht auf. Und eines schönen Tages - wer hätte das
gedacht - war er nicht nur als Erster da, um sich zu bewerben. Er war sogar der
Einzige.
"Was denn, bin ich zu früh?" frage Melwin den Engel vom
Dienst. Der Engel vom Dienst sah gar nicht von dem großen Hauptbuch auf,
sondern schrieb weiter, Zeile um Zeile, mit dem langen Federkiel. "Nein", sagte
er. "Oder bin ich zu spät?" frage Melwin. Der Engel vom Dienst malte den
Querstrich des Buchstabens T und setzte einen Punkt auf das i. "Du bist
rechtzeitig gekommen." Er hielt Melwin ein Putztuch hin. "Geh zehn Millionen
Meilen in westlicher Richtung und dann einen Schritt nach links. Da findest du
den Stern, dem du zugeteilt worden bist." Melwin traute seinen Ohren kaum. Er
war Sternputzer geworden. Und seinen Augen wollte er auch nicht trauen: Das
Putztuch hatte genau die richtige Größe für seine Hände. "Es ist nur ein
kleiner Stern", sagte der Engel vom Dienst. "Willst du die Arbeit übernehmen?"
"Oh ja, natürlich!" rief Melwin. "Gut. Alle anderen haben nämlich abgelehnt."
Es war auch wirklich kein Stern, mit dem man als Sternputzer
viel Aufsehen erregen konnte. Er war schon sehr, sehr klein und glänzte nur
matt. Aber er war alles, was Melwin sich je gewünscht hatte. Er putzte seinen
Stern morgens und nachmittags. Und spät abends, wenn die anderen Sternputzer
ihre Poliertücher schon weggelegt hatten, wischte und rieb Melwin immer noch
weiter. Wenn er dann schließlich nach Hause gehen wollte, konnte er sich kaum
losreißen. Immer wieder kam er zurück und wischte noch mal mit dem Ärmel über
den Stern. Und ganz allmählich, nach und nach, viele Tage, viele Jahre,
vielleicht sogar zweitausend Jahre später, fing Melwins glanzloser Stern an zu
glänzen. Der Himmelsstrich, wo er stand, war früher finster und unheildrohend
gewesen. Nun wurde er heller und freundlicher. Melwin war bei seiner Arbeit so
froh, dass die Zeit verging wie im Fluge. Und er hätte auch bestimmt nichts von
dem großen Wettbewerb erfahren, wenn sein Freund Gamaliel ihn nicht besucht
hätte. Aber Gamaliel kam zu Besuch und als er sah, wie Melwins Stern glänzte
und funkelte, sagte er: "Du solltest dich mit deinem Stern an dem großen
Stern-Wettbewerb beteiligen Melwin." Melwin sah sich nach seinem Stern um. "Er
ist sehr klein für einen Wettbewerb." "Von groß oder klein war nicht die Rede",
sagte Gamaliel. "Du hast da einen sehr schönen, strahlenden Stern, Melwin."
"Das stimmt", sagte Melwin.
Diesmal war Melwin aber nicht der Erste in der Reihe. Nein, er
war der Aller-Allerletzte. Vor ihm standen die großen Sternputzer-Engel, einer
immer noch größer und mächtiger als der andere. Und jeder trug einen
riesengroßen, leuchtenden Stern. Gamaliel stieß Melwin mit dem Ellenbogen an.
"Vielleicht hätten wir doch nicht herkommen sollen", flüsterte er. "Größe
allein macht's nicht", sagte Melwin und rieb noch einmal über seinen Stern.

Die lange Reihe der Sternputzer rückte langsam vor und zog an
Gottes Thron vorbei. Und bei jedem der großartigen, glitzernden Sterne, die ihm
vorgeführt wurden, schüttelte der Herrgott den Kopf. "Nein, nein", sagte er.
"Das ist nicht der richtige für einen Geburtstag." Schließlich war nur noch
Melwin übrig. Aber gerade in dem Augenblick, als Melwin mit seinem Stern vor
den Herrgott treten sollte, erscholl ein Trompetenstoß. Der Himmel erzitterte
und die Engel erhoben mutlos die Hände. Der Erzengel Gabirel war gekommen, um
sich mit seinem Stern an dem Wettbewerb zu beteiligen. Und der Erzengel Gabriel
gewann jeden Wettbewerb. Mit seiner großen, goldenen Trompete in der rechten
Hand und dem prachtvollen Stern in der linken, schritt Gabriel durch die Reihen
der Engel. Er hielt Gott seinen Stern hin und der Stern blitzte und funkelte in
allen Farben, die es je gegeben hatte und die es je geben würde. Dann trat
Gabriel zurück und wartete darauf, zum Sieger ausgerufen zu werden. Aber der
Herrgott, der alles sieht, sah Melwin dastehen und warten. "Der Wettbewerb ist
noch nicht abgeschlossen", sagte er. "Komm, Melwin. Zeig mir deinen Stern."
Melwin trat vor und hielt seinen Stern hoch. Der Herrgott sah zu dem Stern
herab, der ruhig und freundlich strahlte, und er nickte ein paar Mal und
lächelte. "Du hast es verstanden, Melwin", sagte der Herrgott. "Das ist der
richtige Stern." Alle Engel im Himmel jubelten und Gabriel ließ seine goldene
Trompete erschallen.
"Komm mit mir, Melwin", sagte der Herrgott. Melwin fasste
seinen Stern fester und lief hinter dem Herrgott her, der quer durch den Himmel
schritt. Ab und zu sah der Herrgott sich um und betrachtete Melwins Stern und
sein warmes, freundliches Licht. "Doch, der wird ihm gefallen", sagte er. "Der
wird ihm bestimmt gefallen." Schließlich blieb der Herrgott vor einem dunklen,
weiten Wolkenloch stehen. "Stell ihn hierher, Melwin. Ja so. Genau so."
"Wie gut er dahin passt", sagte der Herrgott. "Sein Licht
macht alles froh, was er bescheint. Sieh nur Melwin. Sieh nur." Melwin gab
seinem Stern noch einen letzten Wischer mit dem Ärmel. Und dann, während der
Stern noch strahlender und heller aufleuchtete, sah er hinab - auf die kleine
Stadt Bethlehem.
Text und das Bild sind aus dem Buch übernommen. Copyright bei dem
Herausgeber des Buches. Quellnachweiß bitte auf das Buch klicken.
Ich liebe Dich - mein Melwin
Stern
:-)

Nicht nur das ich diese Geschichte unwahrscheinlich schön finde,
auf Grund des Namen Melwin - nein, dieses Buch ist es einfach Wert es zu kaufen
- da es noch viel mehr zu bieten hat ... wunderschöne Bilder, so lieblich, so
warm vom Ausdruck - und wie schön ist es doch zu erfahren das sich so manche
Mühen im Leben auch lohnen :-))
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